Therapie der Hämophilie A – Möglichkeiten und Herausforderungen

Damit es bei Menschen mit Hämophilie A nicht zu langwierigen Blutungen oder Gelenkblutungen kommt, müssen sich die Patienten, abhängig vom Schweregrad, lebenslang regelmäßig behandeln. Die Standardtherapie der Hämophilie A ist aktuell die Faktor-VIII-Ersatz-Therapie oder auch Faktor-VIII-Substitution (lat. für Ersatz). Die Medikamente werden als Ersatz oder Substitution bezeichnet, da sie den fehlenden Faktor enthalten und ihn so „ersetzen“. Sie werden dem Patienten intravenös verabreicht – inzwischen müssen die Patienten für die Therapie der Hämophilie A aber nicht mehr zum Arzt, sondern können lernen, sich das Präparat selbst zu Hause zu verabreichen (Heimselbstbehandlung).

Die regelmäßige Behandlung bezeichnet man als Prophylaxe, da sie Blutungen vorbeugen kann. Allerdings erfolgt die intravenöse Gabe in der Regel mehrmals wöchentlich, was für den Patienten und seine Angehörigen sehr belastend sein kann. Dadurch kann sich die Compliance (Therapietreue) verschlechtern – einige Patienten bevorzugen deshalb eine Bedarfsbehandlung. Eine Bedarfs- oder auch „On-Demand-Therapie“ wird nur bei akuten Blutungen eingesetzt: Sie kann Blutungen zwar stoppen, diesen aber nicht vorbeugen. Um die Therapiemöglichkeiten bei Hämophilie A zu verbessern, werden Faktormedikamente weiterentwickelt sowie neue Behandlungsmöglichkeiten untersucht. Die Faktor-VIII-Ersatz-Therapie ist derzeit die Therapie der Wahl zur Behandlung der Hämophilie A. Jedoch war es bis hierhin ein langer Weg mit vielen verschiedenen Therapiemöglichkeiten.

 

Die Entwicklung der Faktor-VIII-Ersatz-Therapie

Noch Anfang des 19. Jahrhunderts war die Lebenserwartung von Menschen mit einem Mangel an Faktor VIII deutlich geringer als die der Restbevölkerung. Denn man konnte auf eine Blutung nur sehr begrenzt reagieren. Besonders innere Blutungen stellten deshalb ein hohes Risiko dar.

Seit Ende der 1960er Jahre konnten Blutungen durch Faktorenkonzentrate behandelt werden. Für diese Faktorenkonzentrate wurde der Gerinnungsfaktor VIII aus menschlichem Plasma gewonnen. Dies barg jedoch ein hohes Risiko, Krankheitserreger wie HIV oder HCV (Hepatitis C) zu übertragen. Deshalb suchte man nach Möglichkeiten, um die Faktormedikamente sicherer zu machen: Mit speziellen Verfahren gelang es Viren und Bakterien in den aus Blutplasma hergestellten (plasmatischen) Medikamenten zu entfernen. Durch weitere Forschung war es möglich, den Faktor biotechnologisch, ohne menschliches Blut herzustellen: Seit 1993 sind rein biotechnologisch hergestellte Medikamente erhältlich. Die Sicherheit, sich nicht durch Faktorpräparate mit Krankheiten anzustecken, konnte somit deutlich verbessert werden. Eine 100%ige Sicherheit kann jedoch nie gewährleistet werden.

Doch noch auf eine andere Weise wurde die Sicherheit der Patienten erhöht: Die Faktorpräparate werden seither zur vorbeugenden (prophylaktischen) Behandlung bei vielen Menschen mit Hämophilie A eingesetzt. Durch diese regelmäßige Prophylaxe-Behandlung können Blutungen nicht nur behandelt, sondern teilweise sogar ganz verhindert werden.

 

Therapie der Hämophilie A: Welche Möglichkeiten gibt es?

Je nach Schweregrad der Hämophilie A unterscheidet sich die Behandlung. Der fehlende Gerinnungsfaktor wird als Faktorersatz-Therapie entweder bei Bedarf oder prophylaktisch eingesetzt. Die Bedarfsbehandlung findet bei Menschen mit leichter oder mittelschwerer Hämophilie A Anwendung. Bei Bedarf bedeutet, dass nur bei akuten Blutungen oder vor Operationen der fehlende Faktor VIII gespritzt wird. Bei Menschen mit schwerer Hämophilie A kommt mehrheitlich die prophylaktische Behandlung zum Einsatz, mit der verhindert werden soll, dass es überhaupt zu Blutungen kommt. Bei der prophylaktischen Behandlung muss das Präparat in der Regel mehrmals die Woche intravenös verabreicht werden.

 

Haltbarkeit des Faktors VIII im Blut

Dadurch, dass der Faktor VIII vom Körper schnell „aufgebraucht“ wird, ist die Faktor-VIII-Konzentration im Blut, abhängig von der Halbwertszeit des Präparats, oft nur innerhalb des ersten Tages nach der Substitution im Normalbereich. Aus diesem Grund sollten Sport, Physiotherapie oder andere Aktivitäten, die ein erhöhtes Verletzungsrisiko mit sich bringen, idealerweise innerhalb des ersten Tages stattfinden. Durch die kurze biologische Halbwertszeit des Faktors VIII von 8 bis 12 Stunden sinkt der Faktorspiegel im Blut: Die Blutgerinnung kann nur noch sehr langsam erfolgen. Zwischen den einzelnen Gaben der Substitutionstherapie kommt es zu sogenannten Talspiegeln der Faktoraktivität. In dieser Zeit ist die Restaktivität des Faktors im Körper so gering, dass es zu Spontanblutungen in Muskeln und Gelenken kommen kann. Diese Blutungen können langfristig z. B. zu Gelenkschäden führen. Die bisherigen Präparate müssen vor allem bei der Prophylaxe-Behandlung noch regelmäßig alle zwei bis drei Tage gespritzt werden, da die Talspiegel trotz Prophylaxe auftreten. Nur so kann nach einer Verletzung das Blut gerinnen sowie eine spontan auftretende Blutung verhindert werden.

Therapie der Hämophilie A - Faktor 8 Aktivität

 

Hemmkörper stören die Wirkung der Faktorpräparate

Bei der Therapie mit Faktor VIII kann es vorkommen, dass der Körper Inhibitoren, sogenannte Hemmkörper, gegen den Faktor VIII bildet. Dies ist bei 25 bis 30% der Betroffenen mit schwerer Hämophilie A der Fall. Das Immunsystem erkennt dabei den substituierten Faktor VIII als fremd. Deswegen bildet es Hemmkörper, die den Gerinnungsfaktor VIII blockieren. Die Folge ist, dass die Blutgerinnung nicht mehr funktioniert und die Symptome der Hämophilie A trotz Faktor-Therapie zurückkehren.

Um das Immunsystem der Patienten an den Blutgerinnungsfaktor VIII zu gewöhnen, setzt man häufig die Immuntoleranztherapie (ITT) ein. Dabei bekommt der Patient hohe Dosen des Faktor-VIII-Medikaments verabreicht. Allerdings müssen nicht nur die Dosen, sondern auch die Häufigkeit der Verabreichung gesteigert werden. Das bedeutet, dass die Patienten sehr viel häufiger gespritzt werden müssen. Dies kann zu hohen Belastungen für die Patienten und ihren Familien führen, denn die Immuntoleranztherapie ist ein über Monate andauernder Prozess.

Bei Versagen einer ITT oder bei Patienten, die nicht geeignet sind, kommt als weitere Option die Gabe von Bypass-Präparaten in Frage. Wie die Faktor-VIII-Ersatzpräparate werden diese Präparate intravenös gegeben und müssen sogar noch häufiger verabreicht werden. Seit kurzem steht für Menschen mit Hämophilie A mit Hemmkörpern zusätzlich ein neues Medikament zur Verfügung. Bei diesem handelt es sich nicht um eine Faktor-VIII-Ersatztherapie – der Wirkstoff ist völlig anders aufgebaut als Faktor VIII. Deshalb wird der Wirkstoff nicht von Hemmkörpern erkannt und seine Wirkung nicht blockiert. Das Medikament wird zur Routineprophylaxe einmal wöchentlich unter die Haut injiziert.

 

 

Mehr Lebensqualität durch neue Therapiemöglichkeiten bei Hämophilie A

Die Lebensqualität und die Lebenserwartung von Menschen mit Hämophilie A haben sich durch die neuen Behandlungsmöglichkeiten, gerade auch für Hämophilie A mit Hemmkörpern, im Laufe der Zeit extrem verbessert. Dennoch versuchen Forscher Medikamente zu entwickeln, die langsamer im Körper abgebaut werden und somit länger wirken und konstanter vor Blutungen schützen können.

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